Morgenschwer

Langsam auftauchen
aus stundenlangen Träumen
kreisend um Erinnerungen
an ein altes Leben

Der Körper übernimmt
den Seelenschmerz –
jede Bewegung ist eine zuviel.

Und schon wieder
fallen alle Pläne des Tages
auf einen Haufen.

Friedlich

Der Moment
wenn einer meine Hand nimmt
und ich inmitten des Schmerzes
vertrauen kann
und los lassen
wenn ich nur noch atme
und bin
und in mir alles
friedlich wird:

ich warte noch immer darauf.

Beschwörung

Nach jedem Fall
in die Tiefe
klebt am Spiegel
der alte Zettel
mit der Beschwörungsformel.

Irgendwann wird alles gut!

Aber wen
will ich damit eigentlich noch
täuschen?

Für mich

inmitten von euch

sehe ich nur euch
   – so grell, so viel, so ungeordnet
höre ich nur euch
  – so laut, so wild, so dissonant
fühle ich nur euch
  – so groß, so dicht, so von euch überzeugt

nur wenn ich

— allein —

und für mich 
bin,
sehe höre fühle
ich mich.

#frapalymo 2018 19/30


Was frau paulchen schreibt: der impuls für das gedicht am 19. november lautet: „allein“ und ist teil 1 des doppelimpulses.

Dünnhäutig

Manchmal
wache ich auf und spüre,
dass sich meine Haut
über Nacht
auf ein Zehntel verdünnt hat.

Wenn mir dann einer
mit Liebe begegnet,
reißt sie genau
an der Stelle über dem Herzen
und ich ertrinke im Fühlen.

#frapalymo 2018 9/30


Was frau paulchen schreibt: der impuls für das gedicht am 9. november lautet: „nächte, die einen durchsichtigen riss in der haut hinterlassen.“ – nach einem tweet vom 23.10. von @meernotizen

Vielleicht

Wie ein Einsiedlerkrebs aus seinem Haus
schält sich manchmal
aus allen Gedanken, die
Tag und Nacht hin
und her und im Kreis
durch meinen Kopf fliegen
eine kleine
Hoffnung heraus

Dass das Denken
eines Tages etwas
ändert
an meinen Gedanken
und sich das
viel von dem leicht
trennt
und das Denken
vielleicht
wieder eine gute
Richtung nimmt.

#frapalymo 2018 8/30


Was frau paulchen schreibt: der impuls für das gedicht am 8. november lautet: „können sie ohne hoffnung denken?“ – inspiriert durch eine frage aus max frischs „fragebogen“.


Unsichtbar

Treppauf treppab
immer in Eile
immer beschäftigt
was als nächstes
wo fehlt es noch
die braucht das und
der will jenes
treppab treppauf
mit Wäsche, Krams und Sorgen
und ohne Ruh und Rast

Ich saß dort
in der Ecke
auf der Treppe
und habe gewartet.
Doch Mutter
hat mich
nicht gesehen.

#frapalymo 2018 7/30


Was frau paulchen schreibt: der impuls für das gedicht am 7. november lautet: „medientransfer: schreibt ein gedicht zu diesem geräusch (treppensteigen)“.

Dreisamkeit

Kein Tisch, kein Stuhl
vermag zu stehen
auf nur zwei Beinen.

Nur wenn zu Höhe und Breite
die Tiefe sich gesellt
entsteht Raum.

Hoffnung und Mut
sind nichts
ohne Vertrauen
im Kampf gegen
Angst, Einsamkeit und
Verzweiflung.

Nur im Dreierbund
entsteht eine Balance
für den sicheren Stand.

#frapalymo 2018 2/30


Was frau paulchen schreibt:
der impuls für das gedicht am 2. november lautet: „die zahl drei/3“


Kostbar

Hell leuchtende Sonnenstrahlen
warmes Bunt der Blätter
tiefblauer Himmel mit
dicken weißen Wattewolkenbergen

Ich sammle kostbare Momente:
der Winter will
überlebt werden.

Meerkraft

Die Kraft, die entsteht
wenn abertausende kleinste Wasserteile
sich vereinen zu einem
schier endlosen Meer
und ohne Unterlass
in ewigem Vor und Zurück
die Strände versuchen
zu brechen:

Ich wünschte, ich hätte
wie die Brandung des Meeres
diese unermüdliche Kraft
um zu kämpfen
gegen die Dämonen aus der Vergangenheit
die versuchen, mich
zu brechen.

#frapalywo 8/2018, Tag 4


Was Frau Paulchen schreibt:
der impuls für text 4 lautet: „brandung“.

Suchmeldung

Irgendwo zwischen Lübeck und Hamburg
liegt eine Euphorie auf den Gleisen.
Ich hab sie letzte Woche dort verloren
zusammen mit Zuversicht und Vertrauen.

Wer die drei findet, behandle sie gut:
sie sind so gut wie neu
und bisher kaum erprobt.

Bei Gelegenheit
würd ich sie allerdings gern wieder haben.

Freier Fall

Von 160 auf 0 in 2einhalb Stunden.
Allein. Wieder
allein.

Als hätte jemand die
frisch verheilte Wunde
in meinem Herz
wieder aufgerissen
und nichts von dem, was ich neu gelernt habe,
taugt als Pflaster.

Ich falle
falle
tief
tiefer.

Halt mich!
Halt mich fest!

Allein. Keiner mehr
da
am Ende
wie immer.

PMR Malenter Art

Wenn das Signalwort kommt,
aktivieren Sie bitte Ihren verkümmerten Herzmuskel.

Anspannen — jetzt.

Wie hätte ich ahnen können,
dass da mit Dir Einer sein wird,
der mir gut tut
der mich sieht
der mich gar mag?
Ich wollte das nicht.
Ich hatte ganz andere Themen.

Und halten —

Aber es tut gut
gesehen zu werden
gemocht zu werden
getragen zu werden für ein Stück Weg.

halten —-

Und es tut gut
zu sehen
zu mögen
zu tragen für ein Stück Weg.

halten —

Ich möchte behalten, was da ist.
Ich möchte mehr von dem, was da ist.
Ich möchte mitnehmen, was da ist.
Du nicht.
Du nicht?

Und lösen —-

Siehst du noch?
Magst du noch?
Trägst du noch, gemeinsam mit mir, was da ist?
Oder entfernst du dich bereits?

Nachspüren —

So schnell
so vertraut.
Bin ich zu nah?
Will ich zuviel?
Was willst Du?

Und los lassen —

Ich lasse dich
los.

Ich vermisse dich.