Postkarte an mich

Mein liebes Ich,
wenn du in Bälde heimwärts fliegst,
dann erinnere dich!
Erinnere dich an das Licht!
Das Licht, den Duft, das Meer, den Klang,
wie unermesslich gut es tat
so allein zu sein für dich,
so eins mit dir und allem drumherum.
Das wünscht dir sehr
dein andres Ich.

#frapalymo 2018 28/30


Was frau paulchen schreibt: der impuls für das gedicht am 28. november lautet: „schreibt ein postkartengedicht“.

Zuversicht

Müde wandere ich
durch die engen Gassen der alten Stadt.
Der Tag war lang,
die Gedanken sind schwer.
Wo geh ich hin, wo komm ich her,
was ist der Sinn und warum bleibe ich?

Durch die verwinkelten Häuser
blinkt immer wieder
der ruhige große Fluß
und glitzert im abendlichen Sonnenlicht.
Die Luft ist sommerweich
und duftet nach frischer Wäsche.
Mein Schritt wird leichter,
ein Lächeln huscht über mein Gesicht.

Auf dem kleinen Platz vor der Kirche
verweile ich einen Moment,
lausche dem Rufen aus einem der Häuser –
    – Você está vindo? (Kommst du?)
    – Não, não posso. (Nein, ich kann nicht.)
    – Então vou sozinha! (Dann geh ich alleine!)
    – Sim, apenas vá. (Ja, geh nur.)
und mache mich dann wieder auf
dorthin, wo ich zuhause bin.

Der Weg, den wir wählen,
er wird uns schon passen.
Mit Absicht und Zufall
und allen Entscheiden:
am Ende sind wir doch die,
die wir sollten sein.

#frapalymo 2018 15/30


Was frau paulchen schreibt: der impuls für das gedicht am 15. november lautet: „dichtet zur musik, dem largo aus der dritten sonate von frédéric chopin (gespielt von der wunderbaren Maria João Pires)

Herzenswunsch

Ich möchte nach getaner Arbeit
dort in der Sonne sitzen,
die Oliven und die Schafe zählen
und wissen, was wichtig ist.

Ich möchte den Wind im Haar
und das Salz des Meeres in der Nase
das farbige Leuchten der Hauswände im Abendlicht
und wissen, was die Seele braucht.

Ich möchte zufrieden
und endlich in Frieden sein
mit mir – und mit Dir
und wissen, was bis zum Ende reicht.

Nachmittag in Olhão

Die Schatten strecken ihre Beine aus
Langsam erwacht der kleine Ort aus dem Mittagsschlaf
Stühle und Tische werden vor Türen gestellt
Gäste werden erwartet, später, zum abendlichen Mahl.

Vom Wasser her kommt Wind auf
Zieht durch die Gassen bis auf den Platz
Trägt den Geruch nach Salz und Fisch mit sich
Spielt Fangen mit den Blättern meines Buches.

Aus dem geöffneten Fenster gegenüber
Tönt die Melodie eines traurigen Fados
Die Worte erzählen von Liebe und Sehnsucht
Sie wehklagen sich tief in mein Herz.

Noch darf ich bleiben an diesem Ort
Jeden Moment auskosten und sichern für später
Wenn die Sonne verschwindet im Nebel
Und der Schmerz wieder kommt.

#frapalymo 12/30


Was frau paulchen schreibt:
der impuls für das gedicht am 12. november lautet: „doppelimpuls teil 2: 16.22 uhr“


Wer hören mag, wovon ich schreibe: „Alma de Vento“ von Mariza. Den Text und die deutsche Übersetzung findet man hier.

Sehnsucht im Herbst | saudade no outono

So manches Mal im Herbst
wenn das Licht golden wird und die Sonne schon Abschied nimmt
wenn die Luft würzig, kalt und nach Äpfeln riecht
wenn dicke weiße Wolkenberge sich am stahlblauen Himmel türmen
wenn die Meere rauer werden und die Stürme kommen –

dann möcht ich, so schön es auch ist, gen Süden fliegen
in die andere Heimat, die mein Herz sich erkoren.
Noch einmal Wärme in den alten Knochen speichern
noch einmal den Fado hören und die Sehnsucht erneuern
noch einmal am Leuchtturm stehen und bis nach Amerika schauen –

und dann einfach da bleiben.

#frapalymo 7/30


Was frau paulchen schreibt:
der impuls für das gedicht am 7. november lautet: „nutzt folgenden tweet von @silemarlin als impuls für euren text: „herbstlicht auf den dächern / schatten werden länger / in der brust vogelschwärme*“.